Plädoyer für Haydns Klaviersonaten
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(TOP 100 REZENSENT)    (REAL NAME)    Rezension bezieht sich auf: Sämtliche Klaviersonaten (Ga) (Audio CD) Joseph Haydn gilt nicht nur als der Vater der Sinfonie und des Streichquartetts, sondern auch als der Vater der Klaviersonate. Von seinen ersten, knappen Sonaten über die experimentierenden, mittleren bis hin zu seinen großartigen letzten Sonaten beschritt er einen immensen Weg. Mit seinen Entwicklungen bahnte er späteren Komponisten - vor allem Mozart und Beethoven - den Weg zu gewaltigen Genrebeiträgen.

Dennoch fristen die 62 haydnschen Sonaten bis heute ein Schattendasein. Zu unrecht, wie die vorliegende Gesamteinspielung zeigt.

Seine frühen Sonaten komponierte Haydn noch für das Cembalo. Sie stehen in der Nachfolge der Bach Söhne und zeichnen sich durch ihre knappe Anlage aus. Ihr Tonfall ist hell und klar, bis zur 18. Sonate ist keine einzige in einer Molltonart vorhanden.

Da der Komponist sich an keinerlei Konventionen gebunden sah, experimentierte er mit der Anlage: Zwar ist der Großteil dieser frühen Stücke dreisätzig, allerdings gibt es auch einige wenige zwei- oder viersätzige Sonaten. Vom Menuett kann der Komponist sich in dieser Schaffensphase noch nicht lösen, entwickelt es aber mehr und mehr zu einem individuellen Charakterstück.

In der 15. Sonate in E Dur Hob.XVI:13 beispielsweise passt er seine Konzeption kaum noch dem Rhythmus des Menuetts an, sondern erzeugt viel eher ein liebevolles Intermezzo, das den Hörer in längst vergangenen Zeiten schwelgen lässt. Nachdem auch der Kopfsatz dergestalt war, rüttelt Haydn den Rezipienten erst im wilden Finale wach.

Es ist zwar schwierig, Trennlinien zu ziehen zwischen den einzelnen Teilen von Haydns Sonatenschaffen; mit der e moll Sonate Hob.XVI:47 jedoch beschreitet der deutsche Tonsetzer neue Pfade. Es ist nicht nur die Gesamtanlage, die nun fülliger ist, sondern auch die Dichte rund um die musikalische Aussage.

Haydn legt nun mehr Wert auf innere Bezüge in den Sonaten, auch der pianistische Anspruch wird höher und der moderne Hörer darf sich ärgern, dass die Sonaten Nr. 21 bis 28 nur fragmentarisch erhalten sind (und deswegen hier auch nicht eingespielt werden).

Unter diesen mittleren Sonaten ist auch eine so großartige wie die c moll Sonate Hob.XVI:20 vertreten. Allein ihr schicksalsschweres Moderato des Kopfsatzes verzaubert den Hörer sofort. Es ist zwar nicht explizit darauf hingewiesen, aber aufgrund des Niveaus dieses Werkes schrieb Haydn sie wohl bereits für das Pianoforte. Im zweiten Satz gönnt er dem Hörer etwas Ruhe, bis das stürmische Finale jedweder Hoffnung den Garaus macht.

Auch andere wundervolle Stücke zeigen die schrittweise Entwicklung der Sonate von einem Gelegenheitsstück, das vor allem der Unterhaltung diente, hin zu einer vollwertigen Komposition, die jedem artifiziellen Prinzip entspricht.

Haydns Experimentierfreude zeigt sich insbesondere darin, dass er in vielen Sonaten den zweiten, zumeist langsamen Satz sich attacca ans zumeist rasche Finale anfügen lässt.

Welche Sonate nun die letzte mittlere und welche die erste späte ist, sei dahingestellt. Mit seinen letzten Klaviersonaten allerdings - die verschiedener kaum sein könnten - erreichte Haydn ein Maß an Ausdruck und Meisterschaft, das erst von Mozart wieder annähernd erreicht werden sollte und erst von Beethoven übertroffen - und das alles, obschon Haydn kein Klaviervirtuose war.

Unter den letzten Sonaten finden sich immer wieder Kleinodien, so zum Beispiel die Sonate Nr. 59 in Es Dur Hob.XVI:49. Der Kopfsatz mag zwar zunächst etwas leichtgewichtig erscheinen, offenbart sich aber beizeiten als markig und mitreißend. Doch erst das Adagio ist der Kern des Stückes, steckt es doch voller Wärme und Innigkeit.

Zu diesen Sonaten zählen auch einige nur zweisätzige von erstaunlicher Prägnanz. Man nehme nur die D Dur Sonate Hob.XVI:51 als Beispiel: Das gut dreiminütige Andante, das voll von Lyrik ist, mündet in ein packendes Finale, das trotz seiner Spielzeit von nur anderthalb Minuten gänzlich zufrieden stellt.

Überhaupt erfüllen diese letzten Sonaten den Hörer derart, dass man von ihnen nur schwer loskommt.

Als Zugabe gibt's zwei frühere, unnummerierte Sonaten, die Haydn in einem recht konventionellen Lichte erscheinen lassen, und einige Variationszyklen, unter anderem die berühmten Variationen in f moll Hob.XVI:6, ein Reigen von ernsten, berückenden Melodien, der Haydn wiederum so unerbittlich wie selten zeigt.

Rudolf Buchbinder wählt für seine Gesamteinspielung durchgehend das Klavier. Zu recht, denn nur der Flügel kann den Ausdrucksgehalt dieser unendlich herrlichen Musik passend wiedergeben.

Buchbinders Spiel ist perlend und fein nuanciert, so dass er zahlreiche Klangfarben auch aus den früheren Sonaten herausholt. Sein Anschlag ist weich fühlend und lyrisch in den verträumten Sätzen, dennoch aber zupackend und energisch in den schnelleren. Er wählt ein flottes Tempo - auch in den Menuetten -, was der Intention Haydns jedoch recht nahe kommen dürfte. Auch die Aufnahmequalität dieser 1974 und 1975 entstandenen Einspielungen ist sehr gut.

Fazit: Neben einer preisgünstigen Möglichkeit, das Klavierschaffen Haydns umfassend kennen zu lernen, eröffnet sich dem geneigten Hörer zudem die Möglichkeit, die wahre Größe des Kapellmeisters von Esterházy zu erfahren, denn Joseph Haydn ist viel mehr als nur "Papa" zahlreicher instrumentalmusikalischer Gattungen. Es wird Zeit, dass man ihn ernster nimmt, denn das hat er verdient.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 29. August 2010
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